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Polnische Zeitzeugen in unserer Schule

„Fragt uns, wir sind die Letzten“

Unter diesem Leitspruch organisiert das Maximilian – Kolbe – Werk seit vielen Jahren Besuche von osteuropäischen Überlebenden der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Alle, die zu einem meist 14tägigen Aufenthalt nach Deutschland kommen, sind bereit, in Schulen von ihren Erlebnissen in dieser dunklen Zeit zu berichten.

Am 17. Mai war es auch bei uns wieder soweit und wir durften schon zum siebten Mal ein beeindruckendes Treffen mit unseren polnischen Gästen erleben. Wie schön, dass Domenika Adamczewska schon zum vierten Mal dabei war. Zum ersten Mal kamen Marian Jakubowicz und Alodia Witaszek – Napierala. Beide sprechen ausgezeichnet Deutsch, so dass die polnischen Sprachkenntnisse unserer Schüler Michael Möller und Benjamin Stalmach aus zwei 10. Klassen kaum benötigt wurden.

Die Gruppe wurde von Frau Welsch-Turini und Frau Müller begleitet, zwei langjährigen, ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen des Maximilian – Kolbe – Werks, die während der Aufenthalte der Zeitzeugen alle Gespräche in Schulen und alle Ausflüge in und um Köln mit ihnen gemeinsam erleben und die Gruppe mit großer Herzlichkeit betreuen. Hinzu kam Justina, die immer wieder als Dolmetscherin bei den Gesprächen dabei ist.

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Frau Müller – Ballermann, Frau Welsch – Turini und Justina

Zwei Stunden verbrachten die Zeitzeugen in unseren 10. Klassen und berichteten, was sie während der deutschen Besatzung in verschiedenen Konzentrationslagern, teils in Polen, aber auch in Deutschland erleben mussten. Für die Schüler ein intensives und berührendes Erlebnis, Geschichtsunterricht so hautnah, wie ihn kein Lehrer leisten kann. Unsere Gäste, die sonst immer zu zweit eine Klasse besuchten, hatten zunächst Bedenken, ob sie das Interesse der Schülerinnen und Schüler alleine über diesen Zeitraum wach halten könnten. Doch die Zeit ging schnell vorbei, wie groß das Interesse war, zeigten die angespannte Ruhe in den Klassen und die vielen Fragen, die unseren Gästen gestellt wurden.

 

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Domenika Adamczewska, über deren Besuch wir uns immer wieder freuen

Frau Adamczewska berichtete in der Klasse 10a von der Zeit, die sie als Kind zusammen mit ihrem Bruder im KZ Majdanek erleben musste. Bei der Einlieferung sah sie noch, wie ihrer Mutter die Haare abgeschnitten wurden, danach waren sie getrennt. Sie schliefen auf Strohsäcken, die Nahrung bestand aus einer dünnen Suppe und einem Stück Brot pro Tag. Da die kleine Domenika Gärtnerarbeiten leisten musste, versuchte sie ab und zu, eine Kartoffel zu stehlen und in der Achselhöhle vor den ständigen Kontrollen zu verbergen, um ihrem Bruder und sich ein bisschen zusätzliche Nahrung zu beschaffen. Sie erlitt Verbrennungen an den Beinen, als sie von anderen Kindern in glühende Asche gestoßen wurde. Ihr Bruder, der ihr in dieser schrecklichen Zeit stets zur Seite stand, trug sie darum zum morgendlichen Aufstellen, dem Appell.

Als das KZ im Jahre 1945 befreit wurde und die Mutter nach ihr rief, traute sich Domenika erst nach längerer Zeit, dem Ruf zu folgen, so groß war die Angst vor Strafen. Es dauerte 50 Jahre, bis sie den Mut fand, an den Ort, in dem sie einige Zeit ihrer Kindheit verbringen musste, zurückzukehren. Auch heute noch sorgt Frau Adamczewska dafür, dass immer ein Brotvorrat im Haus ist, um nie wieder hungern zu müssen.

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Frau Alodia Witaszek-Napierala und Herr Marian Jakubowicz

 

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Herr Jakubowicz, der im Alter von 17 Jahren verhaftet wurde, musste drei Jahre in verschiedenen Lagern verbringen und dort schwere Arbeiten leisten.

Auf diesem Lesezeichen sind die Streifen der Häftlingskleidung, das rote P, mit dem politische Gefangene gekennzeichnet waren und die Stationen seiner Haft zu erkennen. Er empfand es als besonders belastend, dass er keinen Namen mehr hatte, sondern nur noch eine Nummer war. Die Menschen schliefen auf Holzpritschen, ernährten sich von der Suppe, die einmal am Tag ausgegeben wurde und mussten vor jedem Wärter, dem sie begegneten, die Mütze ziehen. An jedem Morgen wurden sie zu einer halben Stunde „Sport“ (laufen, Liegestütze absolvieren) gezwungen, wer zu schwach dazu war, musste eine weitere halbe Stunde durchstehen. Diejenigen, die das Lager zur Arbeit verlassen mussten, wurden morgens und abends strengen Kontrollen unterzogen, wohl um zu verhindern, dass Nahrung oder anderes „eingeschmuggelt“ wurde.

Sein Weg durch mehrere Lager führte Herrn Jakubowicz immer weiter nach Westen bis in das KZ Ravensbrück in Mecklenburg. Dort erlebte er Ende April 1945 die Befreiung durch die russische Armee. Doch die Zeit des Hungers war noch lange nicht vorbei, wie er in der Klasse 10b berichtete.

Frau Alodia Witaszek-Napierala erzählte in der Klasse 10c die Geschichte ihrer Kindheitsjahre, die sich einerseits stark vom Schicksal der anderen unterscheidet, aber auch deutlich macht, wie sehr die unglaubliche Politik des NS-Regimes das Leben unzähliger Kinder dramatisch veränderte. Ihr Vater, ein angesehener Doktor der Medizin, schloss sich nach der Besatzung Polens einer Widerstandsgruppe an, wurde im Jahre 1942 verhaftet und am 8. Januar 1943 hingerichtet. Nachdem auch die Mutter verhaftet und später ins Konzentrationslager Auschwitz gebracht worden war, standen die fünf Kinder im Alter zwischen einem und acht Jahren alleine da. Mehrere Verwandte nahmen sich ihrer an.

Doch schon bald wurden die Kinder von der Gestapo geholt und auf ihre Tauglichkeit zur „Germanisierung“ untersucht. Ziel dieser barbarischen Politik war, polnische Kinder zu Deutschen zu machen, ihnen jede Erinnerung an ihre polnischen Eltern, ihre Sprache und bisherige Lebensumwelt zu nehmen. Frau Witaszek-Napierala, zu diesem Zeitpunkt gerade fünfjährig, wurde zusammen mit ihrer Schwester in das Jugend- und Kinderlager Lietzmannstadt gebracht. Dort blieben sie sechs Wochen in Holzbaracken, schliefen zusammen auf einer Pritsche unter einer dünnen Decke.

Die nächste Station war ein SS-Heim in Kalisz, geführt von deutschen Klosterfrauen, die mit den Kindern nur Deutsch sprachen und sie glauben ließen, sie wären deutsche Kinder, deren Eltern im Krieg umgekommen waren. Ein Onkel, der auf verschlungenen Wegen vom dortigen Aufenthalt der Kinder gehört hatte, ließ in seinen Briefen die Mutter im KZ Auschwitz in dem Glauben, die Kinder wären immer noch in seiner Obhut. Er hatte Angst, dass sie sonst allen Lebensmut verlieren würde.

Dann wurden die Kinder in ein „Lebensborn“ – Heim in Bad Polzin (damals Pommern, heute Polen) gebracht. In dieser Anstalt, hell und freundlich nach aller bisher erlebten Düsternis, wurden die Kinder direkt an deutsche Familien übergeben als ein „Geschenk des Führers“. Am 24. April 1944 wurde die kleine Alodia ihrer neuen „Mutti“ übergeben, die glaubte, ein Waisenkind in ihre Familie aufzunehmen und auch Alodias Schwester gerne mitgenommen hätte. Dies wurde aber nicht gestattet.

Alodia lebte nun als „Alicja Wittke“ in Stendal in Mecklenburg und wurde von ihren Betreuern, die sie von Anfang an beschützten, adoptiert. Sie hieß nun Alice Luise Dahl und begann im Herbst 1944 ihre Schulzeit.

Alodias Mutter erfuhr erst nach Kriegsende, nachdem sie die Gräuel der KZs Auschwitz und Ravensbrück überlebt hatte, von der Ermordung ihres Mannes und der Entführung ihrer Töchter. Sie setzte alle Hebel in Bewegung und erfuhr über verschiedene Organisationen im September 1947, dass und wo ihre Töchter lebten. Es muss auch für die Pflegemutter schrecklich gewesen sein, dass sie das Kind wieder abgeben musste. Alodia kehrte am 7. November 1947 nach Polen zurück, ihre Schwester Daria, die in Wien gelebt hatte, einen Monat später.

Am Ende ihres ausführlichen Berichts, der hier in gekürzter Form wiedergegeben wurde, schreibt Frau Witaszek-Napierala:

Wir waren beide total verdeutscht. Es fing für uns eine schwierige Zeit der Repolonisierung an: das Lernen der Muttersprache, das Wachrufen des polnischen Bewusstseins und die Rückkehr in eine fast vergessene Familie. Ich war damals schon 10 Jahre alt.“

Wir alle am Großen Griechenmarkt, die jedes Jahr wieder mit unseren Gästen zusammentreffen, danken ihnen für die Bereitschaft, nach Deutschland zu kommen und von ihren Erlebnissen zu berichten. Wir danken ihnen, dass sie unseren Schülerinnen und Schülern Mut machen für eine Welt ohne Hass und Gewalt. Wir sind immer wieder von der Herzlichkeit der Begegnungen beeindruckt.

Wir wünschen „unseren“ Zeitzeugen, dass sie mit vielen schönen Erinnerungen an Köln und die Begegnungen nach Polen zurückkehren, und hoffen, dass wir sie alle im nächsten Jahr wieder bei uns begrüßen dürfen.

 

 

   
© KHS Großer Griechenmarkt, Köln (E.B.)